togetherness

TEXT ZUR AUSSTELLUNG I
Togehter & You, Berlin

Togetherness, ein Ausstellungsprojekt der Klasse Professor Una Moehrke an der Burg Giebichenstein, Kunsthochschule Halle bringt vieles zusammen. Es ist eine künstlerische Exkursion hin zu zwei Orten, Berlin und Dessau – an vier Spielstätten wird eine Art Menuett, ein Aufeinanderzugehen zwischen den Studenten, auf das Publikum, auf die Geschichte und die Geschichten der jeweiligen Städte und Räume erprobt. Jeder Ausstellungsraum ist ein Ort, an dem Phantasie, Reflektion, Emotion, Wissen sich entfalten können, anschauliches Bild werden. Hier nun geschieht dieses anschauliche Denken durch einen dialogischen künstlerischen Prozess, dabei ist die gelungene Einlassung entscheidend, die gemeinsame kreative Beteiligung an der Kunstform Ausstellung. Im Sinne einer Modellanordnung geht es um das Gelingen von Zusammenarbeit in sozialer und ästhetischer Hinsicht, um den Entwurf eines gelungenen Miteinanders und so – auch – um eine soziale Utopie. Im Spiel, im Widerspiel und auf ganz verschiedenen Ebenen entfalten sich Varianten von Kooperation:

Wenn Christoph Görke den Modellbegriff als Ausgangspunkt nimmt und Ausschnitte der beiden so verschiedenen Ausstellungs-Städte ineinander wachsen und vom Besucher bemalen, beleben lässt oder wenn Berit Scheerer auf  eigene Zeichnungen durch Bildkommentare ihrer Korrespondenzpartner antworten lässt, entstehen jeweils neue Bildgeflechte zwischen Eigenem und Fremdem. Wieder eine andere Art von Ausstellungs-Kommentar wählt Axel Winter, der als Parallelaktion eine neue Lesart der Ausstellung präsentiert, indem er Aspekte der gezeigten Arbeiten in die Bildsprache des Comics übersetzt: Ermunterung zur freien Bildlektüre als Bilderpuzzle zwischen Suchen und Finden. In einem animierten Zeichnungsstreifen nimmt Lukas Meya eine Geschichte ernst, die wohl schon auf jedem Computer gelandet ist: Eine E-mail, die viel Geld verspricht, aber auch vom Glauben, Leid und Wohltätigkeit erzählt. Das oft lästige Eindringen eines Fremden in den eigenen Posteingang wird zum Inspiriationsquell einer doppelbödigen Kollaboration. Der Ausstellungsraum, die Stadt als Bühne, wo es um Sehen und Gesehen werden geht, wird im Fernsehturm von Christina Jendrzok und Martin Kilz zum Thema, die Monitorskulptur spielt mit dem Innen, dem Außen des Raums, lässt die Gegensätze ineinander kippen – und natürlich schwingt auch die leise Unheimlichkeit mit, die in jeder Beobachtung, im Beobachtetwerden nistet. In der mehrschichtigen Skizze von Juliane Gebhardt und Sophia Werneburg werden akustische Versatzstücke, aufgenommen auf einem Streifzug durch Dessau, in den Berliner Raum überführt, treffen dort auf wie absichtslos gesammelte urbane Fundstücke, verknüpfen Räume, Sinne, Assoziationen. Der Name des Berliner Projektraums Spor Klübi (Sportclub) regte Wilma Bräutigam, Elisabeth Rändel und Julia Tiefenbach zum Übertrag der komplexen Bewegungsabläufe der Sportarten Rudern, Ballett und Ultimate Frisbee in diagrammatische Zeichnungen an, wobei dann auch die unterschiedlichen Formen des Zusammenspiels im Sport anklingen: Solitäres, Ensemble und Mannschaftssport zeigen sportliche Facetten zwischen Einzelkampf und Teamgeist. Timm Höller entwirft ein aus menschlichen Gesten und Haltungen choreographiertes Alphabeth, lässt Buchstaben, Wörter, Sätze, die Grundlage von Kommunikation und Gemeinsamkeit, tanzen. Ganz ruhig verfolgt das Video von Hanna Schönfelder den Wandel des Lichts, seine stete Veränderung: Eine atmosphärische Verdichtung, das Gleiten, das Gelten eines Moments. Eher frech dagegen die subversive Familiencollage von Sebastian Friedrich, Anne-Lena Fuchs und Viktor Sobeck, die das Symbol der Gemeinsamkeit, die Familie, gleichsam fragmentiert und neu zusammenfügt, mit aufgepfropfter Stimme sprechen lässt. Ironisch werden damit auch Strategien der zeitgenössischen Kunst zitiert: auch das ist eine Form der Zusammenarbeit, wenn Kriterien, nach denen heute Kunst rubriziert wird, wagemutig umgesetzt werden. Die Frage nach der Funktion von Zusammenarbeit wird in der Ausstellungsreihe zu künstlerischer Form. Heiter, unbefangen, tiefschürfend, persönlich, unverkrampft wird das große Gebiet, die komplexe Theorie umkreiselt, eingekreist – aus und in ganz verschiedenen Richtungen. In Dessau übrigens werden weitere Positionen von Togetherness hinzukommen. Die Ausstellung ist ein sich entwickelnder Organismus, der die Hingabe der Einzelnen an ihr Werk, die wechselseitige Unterstützung im Dialog und die Auseinandersetzung mit Kundigen zusammenbringt: Das Projekt ist
Modell und Entstehungsprinzip zugleich.
Dorothée Bauerle-Willert

TEXT ZUR AUSSTELLUNG II
Together & Me, Dessau

In Dessau ist das Modell der Zusammenarbeit mit sechs weiteren Positionen ergänzt worden: angeregt durch die Assoziationen zum Sport untersuchen Hanna Schönfelder und Ricky Thiel die in unmittelbarer Nähe der  Ausstellungsorte in Berlin und Dessau gelegenen alten Stadtbäder sowie das Stadtbad in Halle. Deren Nutzungswandel, Architektur und Ästhetik inspirieren sie zu einer Videoarbeit. In ihr fließen und stehen Bildfolgen, Übergänge zwischen gestern und heute, trocken und nass. Bad und Sport als Komponenten von Handlung und Körper im Raum, ge- und verborgen im Baukörper. Eine ungerahmte Handlung zerfließt im Ephemeren- ohne Stadtbad und sein rahmendes Becken keine Bild-Einsicht. Um die physische und mentale Bewegung in der Urbanität und die Differenzen zwischen Stadterfahrung, Stadtgeschichte und Stadtveränderung am Beispiel von Berlin und Dessau geht es in der Bodenskulptur von Jan Golla. „Gott würfelt nicht“ sagte Einstein und beschrieb damit das System von Zufall und Wahrscheinlichkeit. Wie Würfel erscheinen diese Raum- und Baumodule, sind durchlässig und doch bewohnbar für Aktanten der Erfahrung, Planung und Vorstellung. Keine Stadt, wie auch immer geplant und entstanden- als geometrische Behauptung oder organische Wucherung bleibt unverändert; ihrer Veränderung können wir zuschauen, wir können sie ent-werfen. Nasse Tusche auf trockenem Maulbeerpapier arbeiten zusammen im Vertrag, den die Zeichnerin Luise von Rhoden immer anders, neu und großflächig entwirft. Gesteuert wird das Verfahren von der Bewegung, die im Zwischenbereich von Raum, Geste, Zeit und Zeugenschaft von Innen und Außen liegt. Ein Zusammenwirken des Substanz bringenden Pinsel und der Farben generierenden Tusche schreiben asiatische Tradition weiter in unsere ästhetische Gegenwart. Weil eine Ausstellung am fremden Ort sich leicht ignorant verhalten kann, wollen Christina Jendrozk, Una H. Moehrke und Martin Kilz wissen, was die Menschen in Dessau über ihre Stadt denken und wie sie sie erleben. In Folge einer auf- und anregenden Interviewreihe in Bus und Straßenbahn
entstand das Interesse, diese Gespräche als Generationen-Kaffeeklatsch fortzusetzen und Dessauer im Erzählmodus die Stadt neu bauen zu lassen; statt Kaffeesatz bausätzliche Logik und Narrative der Erinnerung und Gegenwart. Auf Straße und Marktplatz, vor den beiden Präsentationsräumen lässt Timm Höller Gäste und Passanten am Prozess des Schreibens teilnehmen. ‚Letterteig’ heißt sein Graffiti-Workshop, der das dialogische Prinzip das zwischen Dingen, Menschen und Modellen kooperativ geschehen kann, wie die Hefe im Teig aufgehen lässt. Die letzte und jüngste, unsichtbare aber folgenreiche Position der Togetherness ist nicht ausgestellt, sondern hergestellt im Hier & Jetzt einer freundschaftlichen wie professionellen Kooperation zwischen Studierenden aus Halle und Dessau und den Mitgliedern des VORORT-LADENS, Christian Treffler und Jörg Schnurre. Fortsetzung geplant, Umsetzung im Prozess, Impuls und Resonanz unterwegs von Dessau nach Weiter und zurück.

Una Moehrke

 

Togetherness
[engl.: Zusammengehörigkeit]

„Togetherness“ ist ein Ausstellungsprojekt, das wesentliche Elemente menschlicher Zusammenarbeit mithilfe von – und im Zusammenhang mit – künstlerischer Arbeit untersucht. Die Zusammenarbeit soll nicht nur gedanklicher Horizont für die einzelnen Beiträge sein, sondern zum Prinzip der Arbeit selbst werden, die im Dialog verschiedener künstlerischer oder nicht-künstlerischer Positionen entsteht. In diesem Sinne ist „Togetherness“ Entstehungsstruktur, Werkinhalt und Ausstellungsformat zugleich.

Die Teilnehmenden der Ausstellungen in Berlin und Dessau bearbeiten ihre Themen in Paaren und Gruppen oder suchen die Kooperation mit anderen Institutionen und Außenstehenden. Dadurch gehen die Beiträge über singuläre künstlerische Positionen hinaus. Im Wechselspiel der einzelnen Beiträge entsteht ein Ausstellungsorganismus, in dem unterschiedlichste Positionen aufeinander eingehen und sich ergänzen.

Die verschiedenen Formen der Zusammenarbeit bilden sich im gemeinsamen Arbeitsprozess, der alle möglichen Formen des Dialogs umfasst und sogar das Scheitern einschließt. Dabei kann sich sowohl eine kollektive Autorenschaft einer Arbeit ergeben, wie auch eine gemeinsame Arbeitsweise, die verschiedenartige Ergebnisse zulässt und sie damit bewusst für eine Befragung hinsichtlich ihrer Mehrdimensionalität und Interdisziplinarität öffnet.
Die Vielfalt an Quellen, Medien, Verfassern und den jeweiligen Bedeutungsebenen, die ihnen durch die teilnehmenden Personen verliehen werden, sollen den Bezug auf unterschiedlichste Aspekte und Felder des Lebens herstellen. Einschließlich der Referenz auf bereits existierende Modelle der Zusammenarbeit sollen sie darüber hinaus für eine künstlerische Präsentationsform aufgearbeitet und in den Ausstellungen sichtbar gemacht werden.

Zur Ausstellung wird ein Vermittlungsprogramm erarbeitet, das in regelmäßigen Führungen angeboten wird und den Kontext der dialogischen Struktur im künstlerischen Arbeitsprozess, im Ausstellungsprozess und in der Themenbearbeitung wiederspiegelt und die Bedeutung des Zusammenarbeitens in der Gesellschaft untersucht.

Text von Una Moehrke, Axel Winter und Christoph Görke

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